Von Folterdrohung, Kindsmörder und Rechtsempfinden

Ich war gestern sehr lange mit dem Auto unterwegs und habe recht viel Radion dabei gehört. Eine Nachricht hat mich besonders empört, der O-Ton war auf verschiedenen Radiosendern, die über die halbe Republik verteilt sind die gleiche:

Wie kann man einem Kindsmörder 3000€ Entschädigung zahlen?

 

Die Vorgeschichte dazu dürfte vielen bekannt sein:

Im Jahr 2002 hatte Magnus Gäfgen den elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler entführt und getötet. Von den Eltern forderte er Lösegeld. Kurz nach der Geldübergabe nahm ihn die Polizei fest. In einem Verhör wurden ihm unermessliche Schmerzen von einem Beamten angedroht.  Abgesegnet wurde dies vom  Frankfurter Vize-Polizeipräsident Wolfgang Daschner. Gegen diese Folterdrohung hat Gäfgen geklagt und auch Recht bekommen.

An seiner Situation ändert das nichts. Magnus Gäfgen sitzt wahrscheinlich bis zu seinem Tod im Gefängnis – nur mit 300€ mehr auf dem Sparbuch und das ist nicht mehr als recht!

Nicht gut finde ich die Aussagen von der Polizeigewerkschaft, die um den „Freiraum bei Verhören“ ihrer Mitglieder zittert, die Empörung des weißen Bunds  oder jenes CDU Schnösels, dessen Namen ich hier nicht einmal niederschreiben möchte.

Viele denken sich: richtig so.  So einem  Kerl kann man doch die Folter androhen oder ihn foltern. Aber überlegt Euch mal folgendes:

Jeder hat schon mal einen Spielfilm gesehen, wo ein Unschuldiger verdächtigt wird oder unschuldig im Gefägniss sitzt. Nun wird irgendwo ein Kind entführt oder vermisst. Es wird nach einem 1,80 großen Mann mit blonden Haaren und blauer Jacke gefahndet. Aus irgendwelchen Gründen kommt die Polizei zu Dir, verhaftet Dich und Du wirst verhört.  Natürlich hast Du nichts mit der Sache zu tun, die Beschreibung trifft nur zu. Jetzt sitzt Du an einem Tisch und 3 Polizisten stehen bedrohlich vor Dir. Man sagt, daß Du unermessliche Schmerzen erleiden wirst, vielleicht rutscht einem auch eine Tasse aus der Hand und trifft Dich ins Gesicht oder sowas. Natürlich klärt sich die Sache später auf.  Aber diese nette Zusammentreffen würde Dir noch sehr lange in Erinnerung bleiben…

Sind Folterdrohungen dann noch OK? Würdest Du sowas noch befürworten?

Als Gäfgen verhört wurde war er ein Verdächtiger, kein überführter Mörder. Die Justiz hat mit Ihrem Urteil bestätigt, das solches Handeln in Deutschland nicht erlaubt ist.  Wenn man sowas legitimieren würde wären wir auf dem besten Weg zurück ins 3. Reich.

Dieser Gruppe von Empörten ging es nicht darum sich mit den Eltern des Opfers zu solidarisieren, zu versuchen ihr Leid zu mindern oder sich Präventionen auszudenken. Es geht ihnen nur darum in der Öffentlichkeit zu sagen:

Da ist ein Mensch der Böses getan hat und vor Gericht Recht bekommt. Das darf nicht sein. Solchen Leuten sollte man Unrecht antun dürfen. Ich hoffe Ihr alle habt mitbekommen, daß ich das gesagt habe und dafür einstehe!

 

Verbrechen gegen Kinder sind das Niederträchtigste wozu Menschen in der Lage sind. Bei sexuellen Vergehen wird die Ohnmacht und Oberflächlichkeit unserer Diskussionskultur noch deutlicher. Bei solchen Verbreche schreit jeder nach Mord, Kastraktion oder Steinigung. Doch was bringt das? Die Tat ist vollbracht, das Leben eines Menschen wahrscheinlich für immer verändert oder gar beendet. „Auge um Auge“ verschafft nur der Gesellschaft Befriedigung und nicht den Opfern.  Man empört sich weil es Spaß macht sich zu empören. Diskussionen zur Prävention, was ja das Beste und Sinnvollste ist kommen nicht auf oder bewegen sich auf dem Niveau von „Höhere Strafen für Triebtäter!“ oder „Sperrt das Internet!“.

Doch was bringt das? Jemand der aus einem Trieb handelt läßt sich nicht von höheren Strafmaßen abhalten. Wenn jemand Bilder von nackten Kindern will tauscht er sie halt in einem anderen Medium wenn es im Internet nicht mehr geht. Fax, Post, BTX, Flaschenpost, was weiss ich. Wer so etwas möchte findet garantiert einen Weg wenn ihm ein Kommunikationskanal geschlossen wurde.

Zum Thema „Islam-Bashing“  oder Sicherheit an Flughäfen und Bahnhöfen findet man noch schlichter gestrickte Forderungen und Ideen. Was ist mit unserer Diskussionskultur geschehen?

Haben das Privatfernsehen und Unternehmen wie Springer uns alle geistig zu Grunde gerichtet? Es gibt immer mehr Studenten und dennoch scheint unsere Gesellschaft immer blöder, dekadenter und ängstlicher zu werden….

2 thoughts on “Von Folterdrohung, Kindsmörder und Rechtsempfinden

  1. Deinem Kommentar ist eigentlich nichts mehr hinzuzufürgen. Danke dafür.

    Ich bin auch immer wieder fassungslos was für Ressentiments unter durch manche Kommentatoren geschürt werden. Bei manchen hat man die Befürchtung, sie würden den Rechtsstaat abschaffen wollen oder wieder eine Willkürherrschaft wie zu Zeiten vor unserer aufgeklärten Gesellschaft(?).

    Das Gericht hat im Falle Gäfgen im Sinne des Rechtsstaates entschieden. Er ist nunmal ein Mensch und hat damit die gleichen Rechte wie jeder andere Mensch. Folter und Folterandrohung ist eine Straftat und muss genauso geahndet werden wie andere Straftaten auch, unabhängig von den Rahmenbedingungen. Sobald wir hier versuchen zu relativieren, untergraben wir das Fundament unseres Rechtsstaates.

    Wir dürfen nicht zulassen, dass Forderungen nach Folter und niedere Rachegelüste in unserer Gesellschaft die Oberhand gewinnen. Leute die so etwas fordern, sollten sich klar machen, dass sie unabhängig von einer Schuld oder Unschuld, irgendwann selbst in der Situation sein könnten, verdächtigt zu werden.

  2. Hi zusammen,

    dein kommentar ist super.

    Ich glaube es ging doch darum, dass er verrät wo das Kind ist – weil die Polizisten dachten er lebt noch.
    Damit will ich es erklären und nicht rechtfertigen. Ich glaube von dem Polizisten war es eine Menschliche Reaktion, wobei er natürlich jegliche professionalität vergessen hat.

    Ich selbst finde es Menschlich immer sehr schlimm. Wie kann man, wenn man etwas so schlimmes getan hat, noch da stehen und wegen ein paar bösen Worten (die natürlich falsch waren) klagen.
    Soweit ich wieß war er Jurastudent, das erklärt natürlich einiges gg

    Um zum Schluss zu kommen, ich finde deinen Artikel gut, weil im ersten Moment wohl jeder dafür ist, dass das richtig war ihn zu bedrohen und dein Artikel macht darauf aufmerksam was passieren würde, wenn man das nicht mehr ahnden würde.

    Grüße

    Thoys

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